New Yorker Gesichter: Thao Thuvet (Yvon)

Thaos Geschichte beginnt in Vietnam. Dort ist er in Saigon geboren, aber das ist alles, was er über seine Herkunft weiss – er kennt nicht seine Eltern oder sonst jemand, den er Familie nennen könnte. Er lebt auf der Strasse und muss schauen, dass er jeden Tag etwas zu essen findet. Manchmal kann er bei den Familien seiner Freunde, die er auf der Strasse trifft, eine Weile wohnen. Seine Freunde spielen Fussball – er schaut ihnen zu; später, als sie älter werden,  beginnen seine Freunde mit Drogen zu handeln oder mit Waffen. Als er 17 Jahre alt ist, werden französische Missionare auf ihn aufmerksam und unterstützen ihn. Sie schlagen ihn für ein Hilfs-Programm in Frankreich vor. Und so kommt Thao Thuvet 2002 nach Nizza. In der Einwanderungsbehörde wird ihm kurzerhand mitgeteilt, das man seinen Vornamen ja weder aussprechen noch schreiben kann und ungefragt steht in seinem Pass ein neuer Vorname: „Yvon“. Er erlebt diesen Akt als genau das, was er ist: Fortsetzung einer Kolonialgeschichte und Identitäts-Verlust. Sein Lachen klingt ziemlich bitter, wenn er davon erzählt.

Thao Thuvet lernt intensiv, studiert, arbeitet um Geld zu verdienen – er beschäftigt sich mit Philosophie und lernt darüber auch das Christentum kennen. In Vietnam waren die Familien seiner Freunde eher buddhistisch, aber letztendlich spielte Glauben und was in den Tempeln passierte für ihn keine Rolle. Die Rolle der protestantischen Kirchen in Frankreich beeindruckt ihn. – Ihm wird klar, dass er in Frankreich aufgrund des Systems keine Möglichkeit hat an wirklich guten Universitäten zu studieren und so lässt er sich darauf ein, als Mitglieder einer amerikanischen lutherischen Kirche ihn wieder für ein anderes Unterstützungsprogramm vorschlagen, und kommt in die USA / Texas. Das war vor etwa 7 Jahren. Wieder lernen, studieren arbeiten – er ist stolz darauf, am Union angenommen worden zu sein. Hier macht er im Moment seinen „Master of Divinity“.

Er bewirbt sich gerade für seinen Ph.D. , also Doktorarbeit, an 4-5 verschiedenen Ivy-League (Elite-)Universitäten. Thema ist die spirituelle Geschichte Vietnams nach dem 2. Weltkrieg und zwar die „Anti-Kolonisierung“ der Bevölkerung. Also: was haben die einfachen Leute getan, um diese Kriegszeiten zu überleben? Woran haben sie geglaubt? Was hat ihnen Hoffnung gegeben? Dazu wird er forschen.

Er wird nach Vietnam zurückkehren und dort als Lehrer oder Professor arbeiten. Das ist für ihn ganz klar, obwohl er sich keinerlei Illusionen über das derzeitige politische System macht. „Vietnam ist meine Heimat. Ich möchte in dem Land sterben, in dem ich geboren bin. Falls es passieren sollte, dass ich hier sterbe, habe ich mit meinen Freunden ausgemacht, dass sie meine Asche nach Vietnam holen.“ Thao Thuvet hat immer noch Kontakt zu seinen Freunden von der Strasse – „mit denen, die noch leben“ – , mailt mit ihnen und von seinem ersten Scheck im Jahr kauft er ihnen Schuhe und Kleidung.

Heimat – das sind für ihn die Kontakte zu seinen Freunden und die Erinnerungen an die Plätze auf der Strasse, wo er seinen Freunden beim Fußballspielen zuschaute. (Seine Freunde sind alle BVB-Fan und waren entsprechend enttäuscht über das 3:0 gegen Frankreich / St. Germain. Als er ihnen mal „aus Versehen“ Bayern T-Shirts schickte, war die Aufregung groß.)

An den USA schätzt er, dass er hier ein Asian-American sein kann. „In Frankreich gab es kein Konzept einer multi-kulturellen Identität. Du musstest französisch werden, dich integrieren. Die Frage-richtung „Was könntest du beitragen, um unsere Kultur zu bereichern?“ gab es nicht.“

„Mein Leben ist eine lange Reise. Ich bin dankbar und wertschätze jeden Augenblick.“

 

 

Ein Gedanke zu „New Yorker Gesichter: Thao Thuvet (Yvon)“

  1. Liebe Silke, wir sind schon sehr gespannt auf das nächste Portrait! Viele gute Begegnungen und neue Horizonte, nicht nur den aus dem 21. Stock …!
    Liebe Grüße von den Freiburger Gesichtern!

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