New Testament class

Das Reformationsjubiläum hat hier keine große Rolle gespielt. Am Union gab es am 31.10. z.B. keinen Gottesdienst. Die lutherischen Kirchen haben an dem Wochenende die ein oder andere Veranstaltung gehabt, aber dass dies Jubiläum in irgendeiner Weise die Öffentlichkeit beschäftigt hätte, kann man wirklich nicht sagen.

Dennoch: in meinem neutestamentlichen Seminar fand eine intensive Auseinandersetzung mit Luther und seiner Rechtfertigungslehre statt. Spannend!                                                Luthers sola fide, sola gratia haben ein prinzipielles „kontra“ in die protestantische Kultur eingeschrieben – dem aus Glauben gerechtfertigtem Ich steht ein werkgerechter Anderer immer gegenüber. Diese Binarität hat die reformatorische Rechtfertigungslehre von Anfang  an begleitet; Glaube vs Werke, Evangelium vs Gesetz. Diese Antithesen wurden nicht nur theologische Waffe im Kampf gegen die katholische Kirche, sondern mit der gleichen Unerbittlichkeit auch gehen Juden, Muslime, Türken und andere „Andere“ angewendet. Dieses im Kern der Reformation verwurzelte Feindbild des „Anderen“ zu befragen und zu problematisieren, ist nicht nur eine theologische und exegetische Frage, sondern auch erforderlich angesichts heutiger politischer Entwicklungen und der Produktion  neuer Anti-ismen.

Hier ein paar angerissene Gedanken aus dem Seminar                      „Galatiens and the Other – Paul debates Luther“.                                    Ein etwas anderer Blick auf den Galaterbrief – Luthers Lieblingsepistel. Anstatt die andauernde, klassisch exegetische Frage zu verfolgen, ob Paulus nun die Bewohner Galatiens im Norden oder Süden der römischen Provinz Kleinasiens adressiert, haben wir damit ernst gemacht den historischen – politischen! – Kontext zu erheben. (In der bisherigen Forschung weitgehend vernachlässigt, erst in der neueren Paulusforschung ein Thema.) Welche Wirklichkeit konstituiert im 1. nachchristlichen Jahrhundert das römische Imperium? Auskunft geben dazu antike Quellen wie darstellende Kunst, Statuen, Gebäude, Münzen, Ereignisse wie Triumphzüge, Spiele, Gladiatorenkämpfe, Opferrituale.                               Pax Romana – durch Unterwerfung, Kontrolle und Bestrafung. So wurde die „Befriedung“ im östlichen Galatien im Jahr 189 v. Chr. durch ein brutales römisches Massaker an 40.000 galatischen Frauen, Männern und Kindern erreicht. Auch wenn die polytheistische Götterwelt in den einzelnen römischen Provinzen weiter fortbestand, so war der römische Gott-Kaiser doch der einzige Gott, den alle (unterworfenen) Völker in dieser Form einer imperialen Religion als Gott verehren mussten. Der Cäsar war ihr gemeinsamer Erlöser, der sie ausbeutete und ihnen gleichzeitig „die Zivilisation“ brachte – Strassen, Bäder, Recht und Ordnung. Der römische Herrscher-Kult war zur Zeit des Paulus DIE bestimmende, wachsende Religion, DER öffentliche Kult.

Paulus‘ Schreiben an die Galater ist vor dem Hintergrund dieses „imperialen Monotheismus“ und seiner Kritik daran, zu verstehen. Und so ist die nächste spannende Frage, inwieweit sich durch das Ernst nehmen dieses imperialen Kontextes ein neuer Blick auf die paulinische Theologie ergibt.

Kann man Paulus auch anders lesen – MIT den anderen anstatt gegen sie? So ist z.B. die Beschneidungskontroverse des Paulus (Galater 5) anti-römisch zu verstehen und NICHT anti-jüdisch. Widerpart ist hier nicht die Tora, sondern das römische Gesetz.

Mit einer solchen Sichtweise bricht ein ganzer Pfeiler klassischer, christlicher Theologie zusammen. Paulus kann nicht zum Kronzeugen für die Binarität von Juden – Heiden, Gesetz – Gnade, dem Selbst und den Anderen gemacht werden.

„In Christus“ beschreibt Paulus ein neues Sein, ein neue Art Selbst zu sein – in Gemeinschaft, anstatt im Kampf und Konkurrenz mit den Anderen. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“ Galater 3, 28

Literatur: „Galatians re-imagined. Reading with the eyes of the vanquished.“ Brigitte Kahl, 2010

„Juden, Muslime und Palästinenser: ein Disput zwischen Martin Luther und Paulus über die Rechtfertigung der Anderen.“ Brigitte Kahl – in: Ulrich Duchrow, Hans Ulrich (Hg.), Religionen für Gerechtigkeit in Palästina-Israel. Die Reformation radikalisieren. 2017, S. 26-63

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