New Yorker Gesichter: John

Sonntagmorgen –

Ich treffe mich mit John zum Quaker Meeting in Brooklyn.

John ist in South Ohio geboren und aufgewachsen. Seine Familie gehörte zu einer evangelikal, fundamentalen Kirche. Anti-katholisch, anti-jüdisch, sehr kontrollierend und unterdrückend. Die enge Gemeinschaft hat er damals genossen. In all den Jahren waren vielleicht 1-2 African Americans in dieser Kirche; kein Bemühen der Gemeinde Brücken zu bauen.

Nachdem John von zuhause auszog, ist er 35 Jahre nicht mehr zur Kirche gegangen.  – Er studiert an der Universität Ohio State “International relations”; macht an der Cyracus University / NY seinen Doktor in politischer Philosophie. Seine Frau – nicht praktizierende Jüdin – ist Anwältin und bekommt einen “lukrativ, fordernden” Job in London angeboten. So gehen sie als Familie nach London und leben dort 12 Jahre. Er wird Hausmann und zieht die drei Kinder gross – anders hätte diese Zeit nicht funktioniert. John beginnt als Schriftsteller zu arbeiten. (Zur Zeit schreibt er an einem Buch über Caravaggio und an einem Reiseführer über Brooklyn, der im Sommer 2018 von einem Frankfurter Verlag herausgegeben werden wird.)                                                                                              2006 kehrt die Familie nach der Scheidung von John und seiner Frau nach NYC zurück. Die Kinder werden nach einigem Suchen in einer Quäker-Schule angemeldet. Über die Elternabende kommt John in Kontakt mit der Versammlung der Quäker in Brooklyn und wird dort schliesslich Mitglied.                                                                                       Was er dort gefunden hat? Dass er mit Werten verbunden sein kann, die ihm wichtig sind und das als Teil einer Gemeinschaft.

Ein Grundgedanke der Quäker ist, dass Gottes Licht in jedem Menschen ist. Daraus resultiert ihr pazifistisches Engagement. Jede Form von Gewalt ist eine Zerstörung von Gottes Schöpfung. Quäker waren die erste Kirche, die gegen Sklaverei protestierte und die sich für die Rechte von Frauen einsetzte. An jeder Anti-Kriegs-Bewegung waren Quäker beteiligt, Verhandlungen von Friedensprozessen sind oft von Quäkern begleitet. Gay Pride, Black Lives Matter – wird heute von den Quäkern unterstützt.  Die “SPICES” sind die Kernanliegen – oder auch genannt die  “6 Zeugnisse” – der Quäker: Simplicity, Peace, Integrity, Community, Equality, Stewardship.

Die Quäker in Brooklyn sind eine ungewöhnlich große Gruppe, ca. 100 Leute und altersmässig gut gemischt; sowie auch color, LGBTQ, jewish, muslim backgrounds. Historisch (17. Jhdt.) sind die Quäker eine christliche Gruppierung, aber das ist – jedenfalls in dem liberalen Flügel in den USA – nicht mehr  ausschliesslich und explizit so gegeben. (In den USA gibt es eine Spaltung in drei Strömungen – liberal, konservativ, evangelikal.)

There we are: 11 Uhr – wir gehen in den ersten Stock in den Versammlungsraum. Die Türen bleiben offen. Wer kommt, setzt sich in eine der Bänke. STILLE. Ein schlichter, heller Raum. Die Bänke sind von allen vier Seiten aufeinander ausgerichtet. Es gibt keinen irgendwie gearteten Anfang. Immer wieder kommen noch Leute herein und setzen sich leise in die Bänke. Psalm 46, 11 : “Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin.” Das nehmen die Quäker sehr wörtlich. Sie verstehen das so, dass Gott in den Tiefen unseres Seins darauf wartet zu uns zu sprechen – und wir nur still genug werden müssen, um ihn zu hören. Wenn jemand möchte, kann auch jemand in dieser Stunde etwas sagen, was ihn bewegt oder er nun gerade gehört/verstanden hat – aber heute bleibt es still. Nach einer Stunde kommen etwa 15 – 20 Kinder herein, die in der Zwischenzeit unten im EG – ich nehme an – gespielt und nicht geschwiegen haben.  Es werden einige Abkündigungen bekannt gegeben und dann folgt so etwas wie “Fürbitten”. Wer möchte erhebt sich und sagt ” Please hold (Name) in the light”, “I ask you to hold XY in the light.” Jemanden, an den besonders gedacht werden soll, “ins (göttliche) Licht zu halten” ist eine feststehende, ich finde sehr schöne, Formulierung. Danach geht’s runter in die social hall, dort gibt’s  Kaffee, kleine Snacks und ganz viel Gespräche .

Das STILLE werden ist ein ganz wichtiges Element, verbindet sich für die Mitglieder, wie ich höre, aber sehr stark mit dem Erleben von Gemeinschaft. Es ist ein Unterschied, ob ich alleine im Wohnzimmer eine Stunde schweige oder hier eingebunden in Gemeinschaft – ich sehe die anderen; weiss, ihnen ist ähnliches wichtig. Der Kontrast des Schweigens zu dem sonst so lauten, lärmenden, geschwätzigen Umfeld ist enorm. Auch das Zutrauen, das darin steckt: du wirst schon etwas in dir hören, entdecken, was dich leitet.

Ein anderer Quäker-Sprachgebrauch ist auch sehr aufschlusssreich: “to sit with somebody”. Fällt jemandem auf, das ein anderer aus der Versammlung bedrückt, hilfsbedürftig aussieht, wird er angesprochen “Shall I sit with you?” Wird das bejaht, werden noch 2 Mitglieder zusammengetrommelt und man besucht denjenigen und “sitzt mit ihm”. John berichtet davon, wie hilfreich diese Erfahrung war. Es ist zum einen das Erleben, da sind andere, die mir beistehen, mich begleiten  und in den Gesprächen wird das Problem zudem sortiert und vielleicht Perspektiven aufgezeigt.

Damit zusammen hängt ein anderer wichtiger Aspekt des Quäkerlebens: es gibt keine Hauptamtlichen in der Gemeinde, keinen Pastor, keine Hierarchie – niemanden, den man verantwortlich machen kann, wenn etwas nicht läuft, ausser sich selbst. Das gesamte Gemeindeleben ist über Ausschüssse organsiert, in denen sich alle irgendwo engagieren. Ein mal im Monat gibt es eine Zusammenkunft der Gemeindeglieder, in der alles von Belang besprochen und entschieden wird. Alles muss im Konsens entschieden werden – “can be madening” – d.h. Entscheidungen brauchen manchmal sehr lange, andererseits schafft dieser Weg Vertrauen.

 

Warum ist John am Union? Als Trump 2015 als Präsidentschaftskandidat startete und von den evangelikalen Kirchen unterstützt wurde, war das für John der Zeitpunkt sich zu positionieren. In kirchlichem Kontext mitdenken, in die Auseinandersetzung gehen, Veränderungen anstossen können – darum geht es ihm.

John liebt Brooklyn.  “A very democratic place”  – Leute von allen Teilen der Erde leben hier. An der highschool, an der seine Freundin unterrichtet, gibt es 140 Nationalitäten und es werden 93 verschiedene Sprachen gesprochen.

2 Gedanken zu „New Yorker Gesichter: John“

  1. Das ist das erste Mal, dass ich Genaueres über die Quäker erfahre, und ich finde es sehr sympathisch! Gemeinschaft in Stille,
    “Shall I sit with you”, “Please hold… in the light!” – toll!

  2. Mein Vater war im 2. Weltkrieg Gefangener auf einer Quäkerfarm und mußte in der Orangenplantage arbeiten. Der Glaube dieser Familie hatte ihn tief beeindruckt. Als “Kriegsgefangener” hat er sich dort nicht empfunden. Die Farmerfamilie ging sehr respektvoll mit den “Gefangenen” um.
    Ich erlebe das “Hineinhorchen” in Stille und in die eigenen Tiefen des Seins auch als unbedingte Kraftquelle und möchte einen Text von Karlfried von Dürckheim weitergeben:
    “sich loslassen
    sich niederlassen
    sich einswerden lassen
    sich hergeben
    sich hingeben
    sich aufgeben
    sich neu wiederfinden
    weg von mir
    hin zu dir
    ganz in dir
    neu aus dir.”
    Meditation und Kontemplation – die Quäker haben dies erkannt und mit ihnen werden es immer mehr Menschen, denen das “Hinhören” und “Hinfühlen” immer wichtiger wird. Diesen Menschen, die so unterwegs sind, ist jede Form von Extremismus und Fanatismus fremd.

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