New Yorker Gesichter: Julia

“Ich liebe meine Geschichte,” sagt Julia.

Ihre Geschichte beginnt – gar nicht so besonders liebenswert –  in China / Beijing. Dort wird Julia geboren. Ihren Vater lernt sie nie kennen. Die Mutter ist psychisch nicht in der Lage, sich um sie zu kümmern. So wächst Julia bei ihren Großeltern auf, die wiederum bei einer reichen Tante als Dienstboten arbeiten und Julia macht dort den Haushalt. Also eine schöne Kindheit hat sie nicht gehabt, so sagt sie, obwohl ihre Grosseltern sie herzlich lieben und umsorgen. Die Tante ist Buddhistin und Julia muss  mit ihr die Tempel besuchen. Als Julia schliesslich im College ist (sie studiert Englisch – Sprache und Kultur), lernt sie über einen Buchhändler auf dem Campus den evangelischen Glauben kennen. Sie wird Mitglied der “Untergrund-” oder auch “Hauskirchen” genannten Kirche in China. Es gibt auch eine von der Regierung anerkannte, offizielle Kirche, aber die ist nicht unabhängig. Inwiefern man sagen kann oder muss, dass die Hauskirchen von der Regierung verfolgt werden, ist vielleicht nicht so klar zu fassen, jedenfalls werden diesen Kirchen immer wieder Hindernisse in den Weg gelegt und das Leben schwer gemacht, insbesondere wenn sie zu gross werden. Daher hat sich ein bestimmtes System etabliert: zuerst wird ein Apartment angemietet, in dem sich die Mitglieder treffen. Wenn die Gruppen auf 70 – 100 Leute angewachsen ist, wird sie geteilt und eine neue Hauskirche gegründet / ein weiteres Apartment angemietet. Es dauert im Schnitt 1,5 Jahre bis die Gruppe auf diese Grösse  angewachsen ist. Es gibt in China einen grossen spirituellen Hunger, sagt Julia. Es gehen viele Leute in die Kirche, – so viele, dass die Kirchen nicht genügend Mitarbeiter haben, all die Leute zu versorgen. 1999 lässt Julia sich taufen – in einem Fluss. Sie besucht regelmässig die biblestudies ihrer Kirche, – aber nicht die Gottesdienste, die sind ihr zu langweilig.

Sie wird ein sehr engagiertes Mitglied ihrer Gemeinde, übernimmt Verantwortung, – hilft mit bei den Bildungsprogrammen, wird eine Art Diakonin. Unterstützt von den amerikanischen Missionaren in dieser Gemeinde bewirbt sie sich für einen Studienplatz im Ausland. Mit ihrer Erfahrung in Gemeindearbeit hat sie sich für den Schwerpunkt Erwachsenenbildung entschieden. Das ist ihr Lebensthema geworden: selber zu wachsen und anderen dabei helfen, zu wachsen. Ihr Entschluss sich um einen Studienplatz in den USA zu bewerben, wurden von dem Wunsch geleitet, in ein Land zu gehen, das auf christliche Werte gegründet ist…..  Vor 5 Jahren ist sie in die USA / nach NYC gekommen – und, so sagt sie heute, sie fand nicht, was sie gesucht hat.

Da sie ihren Aufenthalt selbst finanzieren muss – weder durch die Tante noch durch irgendwelche Förderprogramme Geld bekommt – hat sie zur Zeit 3 verschiedene Jobs an der Uni plus einen Babysitterjob. Man kann sich vorstellen, dass nicht viel Zeit bleibt für ein Leben ausserhalb der Uni.

Dennoch – für das Thema Kirche nimmt Julia sich Zeit. Sie besucht verschiedene Kirchen und versucht eine Gemeinschaft zu finden, die sie trägt. Das, was ihr begegnet – das fröhliche, oberflächliche Miteinander – reicht ihr aber nicht. Wüstenerfahrung, so beschreibt sie diese Zeit für sich; sie fühlt sich verlassen und in ihren Hoffnungen enttäuscht.

Vor 1,5 Jahren besucht sie das Seminar “early church history” am Union. Professor John McGuckin ist auch der Gründer der Eastern Orthodox Church St Gregory, die am Union in der kleinen Lampmann Kapelle ihre Gottesdienste feiert. Die Beschäftigung mit dem orthodoxen Glauben wird für sie zum lebensverändernden, einschneidenden Ereignis. Sowohl die orthodoxe Frömmigkeit mit ihren festen Ritualen ( “a deep, solid spirituality”) , als auch die Persönlichkeit von “Father John” – den sie als absolut glaubwürdig und integer erlebt – führen dazu, dass Julia  vor einem Jahr zum orthodoxen Glauben konvertiert.

Ob sie nach China zurückkehren wird?  Je länger sie hier in NYC ist, um so weniger kann sie sich das vorstellen.

2 Gedanken zu „New Yorker Gesichter: Julia“

    1. So, finally hatte ich Gelehenheit mit Julia darüber zu sprechen: also, ihr Visa-Status als internationale Studentin erlaubt es ihr, so lange im Land zu bleiben, wie sie studiert und wenn sie dann im Anschluss daran eine Arbeit findet, wohl auch (? bin mir da über die Bedingungen nicht ganz im klaren…?) Und wenn sie einen Amerikaner heiratet, darf sie auch bleiben….. LG

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