This country is in a mess

Rassismus – als Thema ganz obenauf in den USA und sehr schwierig für mich drüber zu schreiben.

James Baldwin – seine klare, scharfe Sprache und seine Gedanken zum Rassismus in den USA – sind eine Entdeckung für mich. Aus dem Buch “The fire next time”:

“If Harlem didn’t have so many churches and junkies, there would be blood flowing in the streets.”

“I do not know many Negroes who are eager to be “accepted” by white people, still less to be loved by them; they, the blacks, simply don’t wish to be beaten over the head by the whites every instant of our brief passage on this planet. White people in this country will have quite enough to do in learning how to accept and love themselves and each other, and when they have achieved this – which will not be tomorrow…. – the Negroe problem will no longer exist, for it will no longer be needed.”

“I was icily determined never to make my peace with the ghetto but to die and to go to hell before I would let any white man spit on me, before I would accept my “place” in this republic. … And yet, of course, at the same time I was being spat on and defined and described and limited, …”

“Therefore, whatever white people do not know about Negroes reveal, precisely and inexorably, what they do not know about themselves.”

“The word “independence” in Africa and the word “integration” here are almost equally meaningless… We are controlled here by our confusion far more than we know, and the American dream has therefore become something much more closely resembling a nightmare.”

“The only thing white people have that black people need, or should want, is power…White people cannot , in generality, be taken as models of how to live. Rather, the white man is himself in sore need of new standards, which will release him from his confusion and place him once again in fruitful communion with the depths of his own being.”

Ein Stimmungsbild dazu aus dem Union: das Thema hat hier sehr viele verschiedene Botschaften, in die wir alle verstrickt sind und die es schwierig machen.

Zum Beispiel: die african american und latinX Studenten verachten das Union als weiße Institution – den akademischen Lehrbetrieb orientiert an der weißen, europäischen Theologie ebenso wie die großen Ölgemälde, die in der social hall hängen und die Direktoren des Union seit 1836 zeigen – alles weiße, ältere Männer (abgesehen von der jetzigen weißen Direktorin) – und “ihre Leute” (black people) putzen hier die Toiletten und wischen die Flure. “I’m sick of it!” Gleichzeitig sind sie hier, um diese Institution zu nutzen, um ihren Abschluss  zu machen, den sie für ihre weitere Karriere brauchen. Sehr zwiespältig für sie selbst.

Wir, die weißen Kommilitonen, sind zum einen Teil des weißen Systems – genießen  alle Vorteile und Privilegien, die uns dies System bietet, – und zum anderen erleben unsere schwarzen Kolleginnen und Kollegen uns als nette Leute, wir haben miteinander gute Gespräche, lachen, essen gemeinsam Mittag.

Und umgekehrt genauso: ich lerne african american, latinX Kommilitonen kennen und schätzen, versuche ihre Erfahrungen wahrzunehmen – und gleichzeitig bin ich sauer auf sie, wenn ich wieder in dieser “weißen Schublade” lande und gehöre doch genau da hinein.

Die Beziehungen bleiben ambivalent, haben ein double-binding. Immer wieder die verschiedenen Ebenen. Emotional ganz schön anstrengend. What a mess!

How to survive Trump

“Trump disavows accord with Iran on nuclear arms.”   “Trump wants to cut health insurance for poor people.”   “Trump warns Puerto Rico: Help won’t last.”   “Did Tillerson say, the president is a moron? He doesn’t refuse.”    “President is visiting an anti-gay meeting.”

Einige Schlagzeilen der letzten Tage. Trump macht hier alle Leute wahnsinnig; verschärft alle Spannungen und Konflikte, die sowieso schon da sind. Die Leute sind sauer, ärgerlich, wütend, verzweifelt, – befürchten das Schlimmste. Jede Show im TV – Rachel Maddow, David Letterman sind im Moment die populärsten – sie nehmen Trump Abend für Abend auseinander.

Für den 4. November wird aufgerufen nation-wide zu demonstrieren: “Trump / Pence regime must go!”

aus “A Child’s First Book of Trump”:                                                            So what should you do with a Trump running wild? The answer is all up to you, my dear child. Run away screaming? Or maybe you fight it? Reason and logic will only incite it.

You can cover your ears or run up a tree. But the best thing to do is … turn off your TV.

For all of the Trump’s astounding uniqueness, it certainly has a curious weakness: a Trump loves to dine on hatred and violence;    it cannot endure a moment of silence.

It’s true! A Trump needs all of our noise to exist. Without chaos, it shrinks to a sad, orange disc. So should you stumble upon one in the wood, I’m not sure what you’ll do; I know what you should:  Don’t respond to its brags, its taunts or its jeers; ignoring a Trump is a Trump’s biggest fear.

But if that plan fails and it keeps coming forth, I hear there’s an absence of Trumps in the North….

 

 

Jum’ah – Freitagsgebet

Mit unserem Kurs besuchen wir – nachdem wir letzte Woche in der jüdischen Gemeinde waren – nun das Freitagsgebet im Islam Center der New Yorker University (www.icnyu.org). Wir treffen Imam Khalid Latif, – ein ganz engagierter, lebendiger Mensch, der gerade aus Myanmar zurückgekehrt ist und noch ganz unter dem Eindruck steht, was er an Leid der Rohingyas dort gesehen und gehört hat.

Ein paar Gedanken aus dieser Begegnung:                            “Kursbesuch aus dem Union?” Aha. “Religion in the City – Einführung in interreligious engagement?” Das fordert Khalid Latif heraus, ein paar sehr pointierte Bemerkungen zum Sinn und Unsinn von interreligiösem Dialog zu machen: “Interreligiöser Dialog kann so fake sein. Wir können natürlich über Rituale reden, Texte, Feiertage. Wir können darüber reden, was wir evtl. gemeinsam haben. Aber lasst uns doch darüber sprechen, was dran ist: unsere Wirklichkeit. Über den Level an Hass in unserer Gesellschaft brauchen wir wirkliche Dialoge. Sprecht über Erfahrungen! Der unserer Gesellschaft innewohnende Rassismus  ist das Problem und die Herausforderung. Das einige mit Problemen konfrontiert sind, die andere niemals erfahren werden. Wenn wir den “weissen Mehrheits-interreligiösen Dialog” pflegen, besteht die Gefahr, dass wir dem theologischen Diskurs lediglich ein paar Oberflächlichkeiten hinzufügen und wir nicht zu dem Punkt kommen, was uns wirklich trennt. Zum Beispiel das shooting in Las Vegas. Der Täter wird in den Medien stets als konkrete Person  mit Namen genannt – Stephen Paddock. Niemand kommt in den Berichten auf die Idee, ihn als ” den Weißen” oder “den Christen” zu klassifizieren. Aber wäre ein African American der Schütze gewesen? A black man! Oder aus Mexiko? A latino!  Und noch schlimmer, wenn er ein Muslim gewesen wäre . Islamist! Muslimischer Terrorist..!”

“Was ist das Ziel, die Absicht von interreligiösen Dialog? Partner zu finden gegen Gewalt und vom local level zum global level zu kommen, soweit es geht.”

Aus der Predigt, während des Freitagsgebetes:                                      Mohammed wird gefragt: “Wer ist ein guter Mensch?” “Ein guter Mensch ist der, der die grüsst, die er kennt und die grüsst, die er nicht kennt.”

“Warum grüsst du jemanden nicht? Weil er nicht die gleiche Hautfarbe hat wie du? Einen anderen Glauben? Eine andere Kultur? – Aber wie kannst du jemanden grüssen, der unsichtbar ist? Unsichtbar gemacht wird, weil seine Geschichte nicht erzählt wird. Geh hin an fremde Plätze, sprich mit Leuten, die du nicht kennst. Lass sie ihre Geschichte erzählen. Lerne ihre Geschichte kennen. – Wie willst du sonst etwas verändern? Was du nicht zuvor gesehen hast.”

“Wenn du ein Arzt wirst, gib etwas von deiner Zeit im Jahr, um Leuten zu helfen. Wenn du ein Anwalt wirst ebenso…. Was sind deine Gaben und Möglichkeiten? Brüder, Geschwister , sind wir nicht nur im Glauben, sondern in humankind /  im Mensch-Sein.”

“Our faith is about love and mercy!”

New Yorker Gesichter: Rosalie

Eine zarte, entschiedene, entschlossene Person. (Sie ist übrigens nicht 18 Jahre, sondern 30. Hat im Juni gerade ihren Freund geheiratet und wohnt in der Bronx)

Als Kind ist Rosalie mit ihren Eltern und zwei Schwestern aus der Dominikanischen Republik in die USA gekommen. Sie haben erst einige Jahre in Florida gelebt, sind dann nach NYC gezogen. Der Vater ist bald darauf in den USA gestorben.

Rosalie hat keine kirchliche Prägung und gehört auch jetzt keiner Kirche an. Warum ist sie ans Union gekommen und macht ihren “Master of Divinity”?

Am Anfang steht ihre Entscheidung (selbst) erfahrene Gewalt nicht einfach hinzunehmen, sondern etwas zu tun, zu verändern. In den letzten Jahren hat sie das Thema Gewalt in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen der USA durchbuchstabiert. Sie hat im Bildungswesen angefangen. Bald war ihr klar, dass sie als Lehrerin im Klassenzimmer nicht an die Probleme herankommt, die sie sieht. Eine Zeitlang arbeitet sie als assistant teacher in verschiedenen camps für benachteiligte Kinder.

Um das Thema Gewalt besser anpacken zu können, geht sie in den Bereich “criminal justice”. Sie führt Programme zur jugendlichen Gewaltprävention in der Nachbarschaft durch, in der sie lebt. Rosalie taucht in das Thema “Gewalt” ein. Was sind die Bedingungen von Gewalt? (Armut als ein ganz großes Vehikel) Welche Formen gibt es? (Gegen Frauen und Kinder, gegen sich selbst gerichtete…)

“Je länger ich das machte, um so mehr sah ich die Grenzen meiner Anstrengungen. – Ich versuchte noch einen Umweg über das Gesundheitswesen. Also, wenn es gelingt, dass Menschen sich selbst gut behandeln, können sie auch auf andere achten.” Aber ihre Erfahrungen im öffentlichen Gesundheitswesen sind ernüchternd; kein Interesse an solchen ganzheitlichen, gesellschaftspolitischen Fragestellungen  oder Ansätzen.

Die spirituelle Komponente fehlt Rosalie bei all diesem Arbeiten. Daher: “Where do you learn about spirit – without joining a cult?” und so ist sie ans Union gekommen. Klar, es ist noch ganz offen, was sie später damit machen wird. Pfarrerin jedenfalls nicht .

Auf der einen Seite ist Rosalie eine, die sich intellektuell  mit diesen Fragen befasst – auf der anderen Seite ist sie stets in der Praxis gewesen. In den letzten zwei Jahren hat sie bei catholic charities in der Flüchtlingsarbeit als Ehrenamtliche mitgeholfen. Sie begleitet unbegleitete minderjährige Flüchtlingskinder zu ihren Interviews, bereitet ihre Fallakten vor, ist Übersetzerin in den Interviews. “Heavy work! Diese Kinder erfahren einen ganz neuen Level an Gewalt und Leiden. Auf ihrer Flucht hierher werden sie beraubt und vergewaltigt. Ich stelle mir die Not der Eltern vor, die wissen auf was für eine Reise sie ihre Kinder schicken, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Ihr Kind-Sein bewahrt sie nicht vor all diesem Leiden.”

“Das macht sehr demütig.”

Drei Shelter – grosse Schutzräume – für diese Kinder gibt es in New York, aber eigentlich sind sie in Gewahrsam / inhaftiert, denn sie dürfen die Shelter nicht verlassen.

“To be engaged”. Das ist mehr als “engagiert sein”, wie wir im Deutschen sagen. “Engaged” das bedeutet: verbunden sein, gebunden sein. Sich einem Thema, einer Sache verpflichtet haben.

“I love the community.” sagt Rosalie und das lebt sie.

St. Francis day

Der Gottesdienst war heute in St. John the Divine außergewöhnlich gut besucht. Tag des heiligen Franziskus (4. Oktober) – wir teilten uns den Platz mit ca. 300 Hunden, 1 Kamel, 3 Ziegen, 2 Eseln, etlichen Hühnern und Kaninchen, Riesenschildkröte, Eulen, Greif- und Kanarienvögel. Das Ganze hatte zeitweilig etwas karnevaleske Züge ( wird hier auch “Church de soleil” genannt 😏). Die Earth Mass von Paul Winter wurde aufgeführt und getanzt.

Im Anschluss an den Gottesdienst gab’s Gelegeheit zur Einzel-Segnung der Tiere im Kirchgarten. Hm, mir kommt ein Gedanke für Kettwig.🙄

 

New Yorker Gesichter: Thao Thuvet (Yvon)

Thaos Geschichte beginnt in Vietnam. Dort ist er in Saigon geboren, aber das ist alles, was er über seine Herkunft weiss – er kennt nicht seine Eltern oder sonst jemand, den er Familie nennen könnte. Er lebt auf der Strasse und muss schauen, dass er jeden Tag etwas zu essen findet. Manchmal kann er bei den Familien seiner Freunde, die er auf der Strasse trifft, eine Weile wohnen. Seine Freunde spielen Fussball – er schaut ihnen zu; später, als sie älter werden,  beginnen seine Freunde mit Drogen zu handeln oder mit Waffen. Als er 17 Jahre alt ist, werden französische Missionare auf ihn aufmerksam und unterstützen ihn. Sie schlagen ihn für ein Hilfs-Programm in Frankreich vor. Und so kommt Thao Thuvet 2002 nach Nizza. In der Einwanderungsbehörde wird ihm kurzerhand mitgeteilt, das man seinen Vornamen ja weder aussprechen noch schreiben kann und ungefragt steht in seinem Pass ein neuer Vorname: “Yvon”. Er erlebt diesen Akt als genau das, was er ist: Fortsetzung einer Kolonialgeschichte und Identitäts-Verlust. Sein Lachen klingt ziemlich bitter, wenn er davon erzählt.

Thao Thuvet lernt intensiv, studiert, arbeitet um Geld zu verdienen – er beschäftigt sich mit Philosophie und lernt darüber auch das Christentum kennen. In Vietnam waren die Familien seiner Freunde eher buddhistisch, aber letztendlich spielte Glauben und was in den Tempeln passierte für ihn keine Rolle. Die Rolle der protestantischen Kirchen in Frankreich beeindruckt ihn. – Ihm wird klar, dass er in Frankreich aufgrund des Systems keine Möglichkeit hat an wirklich guten Universitäten zu studieren und so lässt er sich darauf ein, als Mitglieder einer amerikanischen lutherischen Kirche ihn wieder für ein anderes Unterstützungsprogramm vorschlagen, und kommt in die USA / Texas. Das war vor etwa 7 Jahren. Wieder lernen, studieren arbeiten – er ist stolz darauf, am Union angenommen worden zu sein. Hier macht er im Moment seinen “Master of Divinity”.

Er bewirbt sich gerade für seinen Ph.D. , also Doktorarbeit, an 4-5 verschiedenen Ivy-League (Elite-)Universitäten. Thema ist die spirituelle Geschichte Vietnams nach dem 2. Weltkrieg und zwar die “Anti-Kolonisierung” der Bevölkerung. Also: was haben die einfachen Leute getan, um diese Kriegszeiten zu überleben? Woran haben sie geglaubt? Was hat ihnen Hoffnung gegeben? Dazu wird er forschen.

Er wird nach Vietnam zurückkehren und dort als Lehrer oder Professor arbeiten. Das ist für ihn ganz klar, obwohl er sich keinerlei Illusionen über das derzeitige politische System macht. “Vietnam ist meine Heimat. Ich möchte in dem Land sterben, in dem ich geboren bin. Falls es passieren sollte, dass ich hier sterbe, habe ich mit meinen Freunden ausgemacht, dass sie meine Asche nach Vietnam holen.” Thao Thuvet hat immer noch Kontakt zu seinen Freunden von der Strasse – “mit denen, die noch leben” – , mailt mit ihnen und von seinem ersten Scheck im Jahr kauft er ihnen Schuhe und Kleidung.

Heimat – das sind für ihn die Kontakte zu seinen Freunden und die Erinnerungen an die Plätze auf der Strasse, wo er seinen Freunden beim Fußballspielen zuschaute. (Seine Freunde sind alle BVB-Fan und waren entsprechend enttäuscht über das 3:0 gegen Frankreich / St. Germain. Als er ihnen mal “aus Versehen” Bayern T-Shirts schickte, war die Aufregung groß.)

An den USA schätzt er, dass er hier ein Asian-American sein kann. “In Frankreich gab es kein Konzept einer multi-kulturellen Identität. Du musstest französisch werden, dich integrieren. Die Frage-richtung “Was könntest du beitragen, um unsere Kultur zu bereichern?” gab es nicht.”

“Mein Leben ist eine lange Reise. Ich bin dankbar und wertschätze jeden Augenblick.”