New Yorker Gesichter: Lee

Doch noch ein paar Sätze zu Lee:

Er ist in den Südstaaten geboren und hat die letzten Jahre in Atlanta / Georgia gelebt. In seinem “ersten Leben” war er Ingenieur und hat als Dozent an der Uni in Atlanta gelehrt. Mit 50 hat er dann Theologie studiert (am Union seinen Abschluss gemacht) und ist Pfarrer geworden. Erst hat er eine kleine Episkopal-Gemeinde nahe Atlanta geleitet, später dann bei der “church without walls” mitgearbeitet. (homepages: Church of the Common Ground, Atlanta; oder:  Common Cathedral, Boston/Cambridge) Jeweils Projekte von Kirche für Obdachlose – in Atlanta z.B. werden jeden Sonntag im Park Gottesdienste für Obdachlose angeboten.

Jetzt mit seinem Ruhestand ist Lee nach New York gekommen – will hier 1-2 Jahre bleiben, besucht Veranstaltungen am Union ( z.B. NT: Galatians) und will etwas schreiben zu  griech. “kenosis” (Leerwerden, Entäusserung). Wie sieht der Zusammenhang aus zwischen Paulus und Buddhismus, dem paulinischen “In Christus sein” und inter-being bei Thitch Nath Hanh?

Schon lange praktiziert Lee Zen-Meditation. Er hat mich zu der Gruppe, die sich montags in den Räumen von Saint Mary’s trifft, eingeladen und mich mit Daiken, einem buddhistischem Mönch, der diese Meditation leitet, bekannt gemacht.

Sein Weihnachtsgeschenk: “Zen Mind, Beginner’s Mind”  😉

New Testament class

Das Reformationsjubiläum hat hier keine große Rolle gespielt. Am Union gab es am 31.10. z.B. keinen Gottesdienst. Die lutherischen Kirchen haben an dem Wochenende die ein oder andere Veranstaltung gehabt, aber dass dies Jubiläum in irgendeiner Weise die Öffentlichkeit beschäftigt hätte, kann man wirklich nicht sagen.

Dennoch: in meinem neutestamentlichen Seminar fand eine intensive Auseinandersetzung mit Luther und seiner Rechtfertigungslehre statt. Spannend!                                                Luthers sola fide, sola gratia haben ein prinzipielles “kontra” in die protestantische Kultur eingeschrieben – dem aus Glauben gerechtfertigtem Ich steht ein werkgerechter Anderer immer gegenüber. Diese Binarität hat die reformatorische Rechtfertigungslehre von Anfang  an begleitet; Glaube vs Werke, Evangelium vs Gesetz. Diese Antithesen wurden nicht nur theologische Waffe im Kampf gegen die katholische Kirche, sondern mit der gleichen Unerbittlichkeit auch gehen Juden, Muslime, Türken und andere “Andere” angewendet. Dieses im Kern der Reformation verwurzelte Feindbild des “Anderen” zu befragen und zu problematisieren, ist nicht nur eine theologische und exegetische Frage, sondern auch erforderlich angesichts heutiger politischer Entwicklungen und der Produktion  neuer Anti-ismen.

Hier ein paar angerissene Gedanken aus dem Seminar                      “Galatiens and the Other – Paul debates Luther”.                                    Ein etwas anderer Blick auf den Galaterbrief – Luthers Lieblingsepistel. Anstatt die andauernde, klassisch exegetische Frage zu verfolgen, ob Paulus nun die Bewohner Galatiens im Norden oder Süden der römischen Provinz Kleinasiens adressiert, haben wir damit ernst gemacht den historischen – politischen! – Kontext zu erheben. (In der bisherigen Forschung weitgehend vernachlässigt, erst in der neueren Paulusforschung ein Thema.) Welche Wirklichkeit konstituiert im 1. nachchristlichen Jahrhundert das römische Imperium? Auskunft geben dazu antike Quellen wie darstellende Kunst, Statuen, Gebäude, Münzen, Ereignisse wie Triumphzüge, Spiele, Gladiatorenkämpfe, Opferrituale.                               Pax Romana – durch Unterwerfung, Kontrolle und Bestrafung. So wurde die “Befriedung” im östlichen Galatien im Jahr 189 v. Chr. durch ein brutales römisches Massaker an 40.000 galatischen Frauen, Männern und Kindern erreicht. Auch wenn die polytheistische Götterwelt in den einzelnen römischen Provinzen weiter fortbestand, so war der römische Gott-Kaiser doch der einzige Gott, den alle (unterworfenen) Völker in dieser Form einer imperialen Religion als Gott verehren mussten. Der Cäsar war ihr gemeinsamer Erlöser, der sie ausbeutete und ihnen gleichzeitig “die Zivilisation” brachte – Strassen, Bäder, Recht und Ordnung. Der römische Herrscher-Kult war zur Zeit des Paulus DIE bestimmende, wachsende Religion, DER öffentliche Kult.

Paulus’ Schreiben an die Galater ist vor dem Hintergrund dieses “imperialen Monotheismus” und seiner Kritik daran, zu verstehen. Und so ist die nächste spannende Frage, inwieweit sich durch das Ernst nehmen dieses imperialen Kontextes ein neuer Blick auf die paulinische Theologie ergibt.

Kann man Paulus auch anders lesen – MIT den anderen anstatt gegen sie? So ist z.B. die Beschneidungskontroverse des Paulus (Galater 5) anti-römisch zu verstehen und NICHT anti-jüdisch. Widerpart ist hier nicht die Tora, sondern das römische Gesetz.

Mit einer solchen Sichtweise bricht ein ganzer Pfeiler klassischer, christlicher Theologie zusammen. Paulus kann nicht zum Kronzeugen für die Binarität von Juden – Heiden, Gesetz – Gnade, dem Selbst und den Anderen gemacht werden.

“In Christus” beschreibt Paulus ein neues Sein, ein neue Art Selbst zu sein – in Gemeinschaft, anstatt im Kampf und Konkurrenz mit den Anderen. “Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.” Galater 3, 28

Literatur: “Galatians re-imagined. Reading with the eyes of the vanquished.” Brigitte Kahl, 2010

“Juden, Muslime und Palästinenser: ein Disput zwischen Martin Luther und Paulus über die Rechtfertigung der Anderen.” Brigitte Kahl – in: Ulrich Duchrow, Hans Ulrich (Hg.), Religionen für Gerechtigkeit in Palästina-Israel. Die Reformation radikalisieren. 2017, S. 26-63

Vergnügungen

Mein Lieblingspark: Washington Square

  Schlittschuhlaufen im Central Park!

“ritual of sending” für alle, die im kommenden Semester nicht mehr am Union sind.

“dinner and dance” in der Judson Memorial Church

  ……having a good meal

 

At the Union: Christmas carol singing

…..mal schaun, welche Bilder ich die nächsten Tage noch dazu setzen kann.

The Union – under construction

Am Anfang war ich beeindruckt. Und nachdem ich nun ein Semester am Union studieren durfte, bin ich noch immer beeindruckt.

Dies theologische Seminar traut sich etwas, setzt sich den Fragen und Themen unserer Zeit aus, geht in die Auseinandersetzung – ohne zu wissen, was am Ende sein wird. Hier wird nicht einfach “Theologie getrieben”, sondern etwas riskiert.

Sei es in Neuem Testament, der Versuch paulinische Theologie neu zu entwerfen; oder konsequent interreligiösen Dialog zu suchen oder afrikanische Religionen (Santeria, Vodou, Luccumi, Condomble, Rastafarianism) und ihre spirituelle Bedeutung zu “ent-dämonisieren” und ernst zu nehmen.

Der “Lehrkörper” – eines christlichen Seminars – umfasst muslimische, buddhistische, jüdische und “synkretistische” Lehrerinnen und Lehrer (neben einigen christlichen). Dazu kommt das Konzept der unglaublich vielfältigen chapel-GDs.

Für die einen Studierenden bietet das Union zu wenig spirituelle Begleitung (ist also zu wenig traditionell christlich),  für die anderen geht das Union mit seinen Aufbrüchen nicht weit genug. Zwischendurch hätte ich gesagt, “dies Seminar ist in der Krise”; und vielleicht ist es das ja auch – aber gewollt.

Die Studierenden beschreiben selbst, dass das Miteinander hier häufig sehr anstrengend und gespannt ist. Und gleichzeitig sagen sie: “Wir werden nie wieder an einen Ort kommen, wo wir in einer solchen Vielfalt miteinander diskutieren.” (Das finde ich einerseits erschreckend, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit in den USA weiterhin so getrennt ist – und ebenso ist es das Besondere, unbedingt zu Schätzende am Union.)

Für mich steht gar nicht so im Vordergrund, was ich hier an einzelnen, konkreten Inhalten gelernt habe, als vielmehr diese Haltung und Selbstverständlichkeit, mit der man sich in einem Kosmos verschiedener Religionen bewegt – sie respektiert und wertschätzt, mit gleichzeitiger scharfer Kritik an den kolonialen, unterdrückenden Strukturen der eigenen christlichen Tradition.

Tolle Erfahrung, weit weg von dem, was ich an “akademischen Lehrbetrieb” in Deutschland erlebt habe.

Erster Advent

1. Advent: Luis’ Geburtstags-“Wochenende” und Taufe.

Jesaja 9,1:                                                                                                      “Das Volk, das im Finsteren wandelt, sieht ein grosses Licht, und über denen, die da wohnen im finsteren Land, scheint es hell.

 

“Find a TV”

Unbelievable! Unser Versuch gestern das Christmas tree Lighting am Rockefeller Center zu sehen, war zum Scheitern verurteilt. TAUSENDE von Menschen (Touristen…. ;-)) schoben sich durch die 5th, 6th und Madison Avenue. Immer wieder abgeriegelte Strassenzüge, kein Weiterkommen. Dieser nette Officer fühlte sich schliesslich genötigt, uns die bittere Wahrheit zu sagen: ” You won’t see the tree today. Find a TV and come back tomorrow.”

Wir haben uns dann einen netten Abend beim Koreaner gemacht.