Was so alles auf dem Schreibtisch einer Pfarrerin landet …

Anfrage: Braucht die Kirchengemeinde eine Haftpflichtversicherung gegen Drohnen? Anzeige wegen Ruhestörung; verlorene Busschlüssel; 2 Beerdigungen wollen in Ruhe mit Zeit und Aufmerksamkeit vorbereitet werden. Geburtstagsgrüße Oktober- November schreiben;  Presbyteriumswochenende: eine Einheit zu Lukas 17, 11-19  KREATIV entwickeln – “Von der Gabe, Glück in Dankbarkeit zu verwandeln”, Familien- Erntedank-Gottesdienst mit Tieren im  Hinterkopf arbeiten lassen – wie organisieren? Plakat und Flyer fertig machen,
Kommode für neuen Besprechungsraum abholen lassen, Unterlagen fürs Presbyterium lesen und Notizen machen; für 2 Taufen die Urkunden und  Patenbescheinigungen  fertig machen; Absprachen mit dem neuen Küster; den Gottesdienstplan bis Februar 2019 weiter schreiben, Artikel für den Gemeindebrief: wie soll das Thema für den nächsten workshop “Seelenbretter malen” formuliert werden?

Worüber könnte ich mal im Blog schreiben?

#MeToo

2. Samuel 13, 14 – 22

Aber Amnon wollte nicht auf Tamar hören und ergriff sie und tat ihr Gewalt an und schlief mit ihr. Und er wurde ihrer überdrüssig, sodass sein Hass größer war als vorher seine Liebe. Und Amnon sprach zu ihr: Steh auf, geh! Sie aber sprach zu ihm: Dass du mich von dir stößt, dies Unrecht ist größer als das andere, das du an mir getan hast.  Aber er wollte nicht auf sie hören, sondern rief den Knaben, der ihm diente, und sprach: Treibe diese von mir hinaus und schließ die Tür hinter ihr zu! Und sie hatte ein Ärmelkleid an; denn solche Kleider trugen des Königs Töchter, solange sie Jungfrauen waren. Und als sein Diener sie hinausgetrieben und die Tür hinter ihr zugeschlossen hatte, warf Tamar Asche auf ihr Haupt und zerriss das Ärmelkleid, das sie anhatte, und legte ihre Hand auf das Haupt und ging schreiend davon. Und ihr Bruder Absalom sprach zu ihr: Ist dein Bruder Amnon bei dir gewesen?
Nun, meine Schwester, schweig still; es ist dein Bruder, nimm dir die Sache nicht so zu Herzen.

 

Biblische Texte in ihrer Direktheit. Mitten aus dem Leben.
Und die Muster mit denen Opfer zum Schweigen gebracht werden sind schon Tausende Jahre alt.

Die gemeinsame Vorbereitung zum Gottesdienst war gut, offen und  lebendig. Die Personen aus der Geschichte – Jonadab, König David, Amnon, Diener, Tamar, Absalom – sagen Jahre später, wie sie über das Geschehene denken. Hätten sie etwas anders machen können? Gab es Alternativen?

 

Bin gespannt, wie der Gottesdienst als Ganzer wird.
Reaktionen dazu?

Kain und Abel

Der Predigttext für den heutigen Sonntag
steht im 1. Buch Mose, Kapitel 4, Verse 1-16.
Der Brudermord – ein paar Gedanken dazu.

(Der Gottesdienst zu dem Text heute war, glaube ich, sehr “streng”.)

Was ist das Ungeheuerliche an dieser Geschichte?
Für viele ist schon der Anfang der Geschichte schwer zu verdauen:
Gott, der das Opfer Abels gnädig ansieht,
aber Kain und sein Opfer sieht er nicht gnädig an.
Warum?

Kein Wort der Begründung oder Rechtfertigung.
Es ist einfach so.
So, wie im richtigen Leben, wie wir es auch kennen.
Es gibt Menschen, denen scheint alles zuzufallen
und andere kämpfen Tag für Tag und kommen auf keinen grünen Zweig.
Keiner kann erklären, warum das so ist.
Und das tut auch dieser Text nicht – erklären.
Er fragt nicht und hinterfragt nicht.
Sondern diese Realität – dass das Leben so unterschiedlich gelingt –
und das Leben einzelnen so Unterschiedliches zumutet –
und dass das manchmal einfach ungerecht ist,
das beschreibt der Text.
So ist das.
Ja, und wir stehen manchmal fassungslos davor:
Wie kann so etwas passieren?
Das hat der oder die wirklich nicht vedient.

Woran macht Kain die Missachtung Gottes fest?
Das wird in dieser Geschichte nicht erzählt.

 

Anhand einer Familiengeschichte erzählt dieser alte Text
das Drama der Menschheit.
Und allein das ist ja schon eine Entscheidung,
ein wichtiger, wesentlicher Gedanke:
Wir als Menschen sind eine große Familie.
Mein Nächster ist mein Bruder, meine Schwester
und nichtirgendein x-beliebiges Menschenwesen.

Der Text psychologisiert nicht.
Bietet keine Familienaufstellung an.
Interpretiert nicht Opferrollen und Eltern-Kind-Konflikte.
Aber der Text fragt danach:
Wie leben wir miteinander?
Es gibt Neid, Mißgunst,
Ungerechtigkeit.
Wie gehen wir dann miteinander um?
Und wie leben wir mit Schuld und Schuldig-Gewordenen unter uns weiter?

Zwei Sätze aus dieser Geschichte bewegen mich besonders:
Erstens: „Bin ich meines Bruders Hüter?“
und zweitens der Satz „Mein Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.“

 

„Mein Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.“
Was darf Kain noch von Gott erwarten?
Was darf Kain noch von Gott erwarten – als schuldig gewordener Mensch?

Gott verurteilt die Tat, den Brudermord,
nichts an Kains Schuld wird beschönigt.
Sie ist und bleibt Schuld.
Aber Kain, der hier jeden Menschen repräsentiert,
bleibt auch Gottes Menschen-Kind und erfährt seinen Schutz.
Er ist und bleibt vor Gott der angenommene Mensch.

Das Kainsmal wird sein Zeichen,
das er sich von Gott geschützt wissen kann.
Es ist kein Stigma.
Es ist vielleicht so etwas, wie eine eingebrannte Wunde.
Eine Wunde, die ihn erinnert und quält,
und die ihn wachsen und reifen lässt.
In dieser Ambivalenz lebt Kain weiter –
mit der Schuld und dem gewährten Schutz.
Und in dem Wissen, dass Gott ihn doch sieht – gnädig ansieht

Den gnädigen Gott finden wir nicht erst im Neuen Testament,
schon hier in dieser alten, brutalen Geschichte blitzt etwas auf von dem Gott,
der Leben und Schutz gewährt für den, der sich in Schuld verstrickt hat.

Wie leben wir miteinander?
„Bin ich meines Bruders Hüter?“ fragt Kain.
Und die Antwort lautet:
„Ja, Kain, das bist du.
Das wäre deine Aufgabe.“

Und das – ist auch unsere Aufgabe.

 

 

“Was macht, dass ich so fröhlich bin…”

Beim Urlaubsschlendern durch die sonnig-luftigen Gassen von Novigrad fällt mir ein Psalm von Hanns Dieter Hüsch ein:

“Ich bin vergnügt, erlöst, befreit, Gott nahm in seine Hände  –  meine Zeit,  – mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen. Mein Triumphieren und Verzagen. Das Elend und die Zärtlichkeit.

Was macht, dass ich so fröhlich bin in meinem kleinen Reich. Ich sing und tanze her und hin vom Kindbett bis zur Leich.

Was macht, dass ich so furchtlos bin an vielen dunklen Tagen. Es kommt ein Geist in meinen Sinn, will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert und mich kein Trübsinn hält. Weil mich mein Gott das Lachen lehrt – wohl über alle Welt.”

Sommerloch

Kurzschluß – der Stromkasten am Martin-Luther-Platz ist “hochgegangen” (Hitze?) . Kein Strom mehr in der Hauptstraße und Kirchfeldstraße.
Auch nicht in der Kirche. Die Kirchturmuhr bleibt stehen.

Nachdem RWE zur Reparatur vor Ort war, beginnen die Glocken zu läuten.
ALLE – laut und intensiv. Nach einer Stunde regt sich allmählich Unruhe im Ort. Erste Anrufe gehen ein. “Was ist los? Die Glocken…!” “Die Gäste im Biergarten beschweren sich…” Schließlich meldet sich auch die Polizei bei mir.

Ok. Unser Plan, dass die Glocken wieder in ihre Programmierung “zurückfinden”, scheint nicht aufzugehen, also erst einmal das ganze per Hand ausstellen.
Ruhe!
Zwei Stunden Glockenklang.
Die Kettwiger – selbst die, die Glocken gerne hören – sind bedient.

Aber als Einstimmung für die Mondfinsternis war es doch ganz stimmungssvoll.

Ein bisschen Glockengeschichte:

Im Turm hängen drei Glocken:
Die große Gussstahlglocke wiegt 1604,5 kg und ist auf den Ton cis gestimmt.
Die mittlere Glocke wiegt 1089 kg und klingt auf den Ton e,
die kleine Glocke ist 817,5 kg schwer und auf den Ton fis gestimmt.

Draußen am Turm gibt es eine Viertelstundenglocke und eine bronzene Stundenglocke; starr angebracht. Die Stundenglocke ist ein bedeutender Renaissanceguss aus dem Jahr 1565 (evtl 1562). Sie ist auf den Ton d gestimmt und mit einem Marienemblem geschmückt.

1916 wurde zur “Sicherstellung von Kriegsbedarf” das “Glockenopfer” von den Gemeinden erzwungen. Auch die Kettwiger Gemeinde mußte 1917 ihre bronzenen Glocken (aus dem Jahr 1850) hergeben. (Nur die Stundenglocke wurde aufgrund ihre besonderen historischen Bedeutung verschont und blieb am Turm.) Schon bald gelang es der Gemeinde den Verlust durch ein gusseisernes Geläut zu ersetzen, das Weihnachten 1918 zum ersten Mal erklang.

“Fixed pews are an invention of the devil”

 

“Liturgie und Raum” – gestern als Thema in Köln.
Im Gestaltungsbeirat der Bauabteilung der rheinischen Landeskirche habe ich  über meine Gottesdiensterfahrungen und das Gottesdienstkonzept am Union Theological Seminary in New York berichtet.

“Service is not something delivered to us,
but something that we give to each other.”
Was heißt das für das Raumkonzept?

5 Jahre wurde am Union an den Fragen der Raumgestaltung  der James Chapel miteinander gearbeitet. Letztendlich war die Entscheidung:
den Raum leer machen, um zu sehen, wie die Gemeinde ihn neu füllt.
Das Herausnehmen der Bänke veränderte die Blickrichtung:
“statt nach oben zu blicken, schauten wir einander an.”

Was brauche ich?
Was soll der Raum für diesen konkreten Gottesdienst transportieren?
Die liturgische Bedeutung des Raumes wird ernst genommen und durchbuchstabiert: wie stehen die Stühle? (stehen überhaupt Stühle?)
Welche Farben, Licht gibt es heute; wo befinden sich Altar, Kreuz, Pult?

“This space is only understood when it is used”
(natürlich kann er auch “gebraucht” werden als ein Raum der Stille,
aber doch auch als Versammlungsort. Nicht so sehr ein “museales” Verständnis von einem Kirchraum, als vielmehr ein Raum, in dem gelebt wird.)

Die Kanzelorienrierung – die Ausrichtung auf das Wort Gottes – theologisch alles richtig – transportiert aber vor allen Dingen:
da steht eine/r , die weiß, wie es richtig ist und euch erzählt, wie Glauben geht. Die mündige Gemeinde sitzt in ihren Bänken.
(auch das Verständnis, dass ich als Predigerin “nur” eine Zeugin der Wahrheit bin, läßt die Frage stellen: Ja, aber bin ich die einzige Zeugin im Raum?)

(Kritische Anfrage an uns PfarrerInnen: Dieses alte Raumkonzept gibt uns Sicherheit; transportiert ein Rollenverständnis, das uns Bedeutung, Würde …zuschreibt. Können wir darauf verzichten?)

 

 

Wir müssen darüber nachdenken und uns austauschen:
Ist an dem Raum zu erkennen, was uns wichtig ist?
Wie wollen wir Gemeinde sein?

 

 

 

Unsere viel zitierten abendländischen Werte…

Manfred Rekowski, Präses der Rheinischen Landeskirche:
“Seit 2015 sind tausende Menschen bei der Flucht über das Mittelmeer ertrunken. In diesen Tagen erleben wir schon wieder, dass Flüchtende in Seenot geraten und ertrinken. Jenen, die von Schiffen aufgegriffen und an Bord genommen werden, verwehren zahlreiche europäische Staaten Aufnahme und Sicherheit. Eine Europäische Union, die sich derart abschottet und Menschen in Todesgefahr die Hilfe verweigert, verrät die Liebe, für die das Christentum steht. Eine Europäische Union, die nicht in der Lage ist, Ressentiments und nationale Egoismen zu überwinden sowie Mitmenschlichkeit und Liebe zu üben, sollte den ihr im Jahr 2012 verliehenen Friedensnobelpreis zurückgeben.“ Das schreibt der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland in seinem aktuellen Präsesblog.

Freitag, 13.07. um 18 Uhr
Demonstration auf dem Willy-Brandt-Platz in Essen:
“Stoppt das Ertrinken im Mittelmeer”

….. on the bright side of life

Vor 2 Wochen habe ich Frau A. noch im Altersheim besucht.
Jetzt bereite ich ihre Beerdigung für die nächsten Tage vor.
Ihr Tod kam nun wirklich sehr überraschend, –  bei meinem Besuch war sie voller Energie, blitzwach und aktiv – mit ihren 94 Jahren.

Wir kennen uns schon lange und es hat mich sehr überrascht, wie sie – als sehr selbständige, selbstbestimmte Frau – ihren Umzug ins Altersheim vor einigen Jahren akzeptiert, angenommen und im wahrsten Sinne des Wortes das Beste daraus gemacht hat.
Kleine Unterhaltung im Alltag finden, darin war sie groß – z.B. sich auf die Bank vors Rathaus setzen und die Hochzeitsgesellschaften anschauen, die aus dem Standesamt kommen. Und sich so seine Gedanken machen.

“Klar, gibt es Dinge, über die ich meckern könnte, aber will ich meine letzten Jahre hier auf Erden mit Jammern zubringen?”

Sehr beeindruckende Haltung!

 

 

 

 

O-Ton Fulbert Steffensky, im podcast “Lebenszeichen” WDR Hörfunk,
1. Juli 2018 anhören:
“Und ich glaube, deshalb ist eine Grundvoraussetzung dafür, gut alt zu werden, die Dankbarkeit. Die Dankbarkeit für das, was man hatte. Man muss ja nicht alles gehabt haben.”

Text für die Trauerfeier:
“Lobe den Herrn, meine Seele,
und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat.” Psalm 103, 2