New Yorker Gesichter: Aishe

Aishe wurde in der Türkei geboren, kam mit 2 Jahren mit ihren Eltern  nach Deutschland  und ist in Düssel-dorf  gross gewor-den. Dort lebt auch heute noch der Großteil ihrer Familie. Sie hat einen katholischen Kindergarten und eine katholische Grundschule besucht. Nach dem Abitur hat Aishe Germanistik und Politikwissenschaft auf Lehramt studiert. Mit ihrem Mann (Ingenieur) ist sie 2008 in die USA ausgewandert. (Er hatte in der greencard-Lotterie eine greencard gewonnen.) Hier hat sie zunächst ein Studium für Literatur  und Sprache weiter gemacht. Freunde schlugen ihr vor: “Du bist doch eine religiöse Person. Geh ans Union und mach dort deinen Doktor in Theologie.” Und so lebt sie heute mit ihrem Mann und den drei Kindern in einer kleinen Wohnung im Union. “Den Stress – das Arbeitspensum mit Studieren,  3 Kindern und noch etwas jobben – zu bewältigen, schaffe ich nur mit meiner deutschen Arbeits-disziplin.”

Das Kopftuch: sie trägt es, seit sie 13 Jahre alt ist. Ihre Familie wollte das nicht unbedingt, weil sie fürchtete, dass Aishe dadurch Nachteile haben würde. So war es auch.  Insbesondere die Lehrer liessen sie deutlich spüren, dass sie mit dem Kopftuch nichts anfangen konnten.

Mit dem Thema “Rassismus” in den USA macht Aishe noch mal ihre ganz eigenen Erfahrungen.  “Wenn ich unterwegs wäre und hier was passieren würde, ein Anschlag oder ähnliches, würde ich als erstes mein Kopftuch abziehen.”

“Die Schwarzen sind davon genervt, dass Weisse keine Ahnung von Rassismus haben und unglaublich naiv mit diesem Thema umgehen. Es geht um das System Rassismus ( um wirtschaft-liche Strukturen, rechtliche Fragen und um verinnerlichte Bewertungen) und nicht darum, ob ich in meinem Freundeskreis auch 4 nette African-Americans habe.  – Das System hier sieht mich als Person of Color. Ich sehe mich nicht so. Viele haben hier keine Ahnung vom Islam. Und so geht es selbst im alltäglichen Miteinander, bei Verabredungen in der Freizeit immer wieder ums “Anders-Sein” – ums Klären und Erklären, was trinke ich und was nicht, was darf ich essen und was nicht. Es fehlen mir die einfachen, selbstver-ständlichen Kontakte. Ich vermisse die Familie. – Jetzt sind wir beiden einfach nur deutsch; das tut gut, das verbindet.”

Dennoch – bei aller Distanz – nach der Trump-Wahl letzten November hat Aishe im Union grosse Solidarität erlebt. Sie bekam von Mit-Studierenden Blumen, Angebote der Unterstützung und Karten.  “Ich glaube an die Zukunft. ”

Im Union bekommt Aishe von offizieller Seite jede Unterstützung,  die sie braucht. (Sie ist natürlich auch ein wichtiges Aushängeschild für das Union und den intereligiösen Ansatz, mit dem man sich hier profilieren will.) Von Anfang an ist sie hier im Union zu den Mittags-Gottesdiensten gegangen, eigentlich um etwas über das Christentum zu lernen – dabei hat sie vieles entdeckt, was Bibel und Koran gemeinsam haben. “Die Gottesdienste haben mich zu einer besseren Muslimin gemacht. Im Kennenlernen des anderen habe ich das Eigene noch mal besser verstanden.” Jetzt gehört sie zum Gottesdienst-Team, das jeden Gottesdienst mit gestaltet.

 

“Ich wünschte, wir hätten auch in Deutschland solche Plätze des gemeinsamen Lernens. Wo man gemeinsam streiten kann und wo Netzwerke entstehen, die auch nach dem Studium noch tragen.”

 

 

Ein Gedanke zu „New Yorker Gesichter: Aishe“

  1. Danke, dass Du Deine Eindrücke mit uns teilst.
    Wie beeindruckend diese Menschen und ihre Geschichten sind. Ich freue mich immer wenn Du etwas neues geschrieben hast!

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